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Was Welpen wiklich brauchen


1. Die unvermeidliche Trennung

Mit der Trennung von der Wurfgemeinschaft verliert ein Welpe alles, was ihm bisher Sicherheit und Vertrauen gegeben hat. So beispielsweise die instinktsichere Fürsorglichkeit der Mutterhündin, die Wurfgeschwister als Spielkameraden, die gewohnten Umgebungsqualitäten, Gerüche, Geräusche und Tagesabläufe.
Und selbstverständlich auch den Züchter mit seiner Zuwendung und Aktivität.
Im Grunde genommen sind die Trennung von der Wurfgemeinschaft und die Übernahme in das neue Heim durchaus ähnlich wie die Trennung eines Kleinkindes von seiner gewohnten Umwelt und das Verpflanzen in eine andersartige Lebenswelt, ja vielleicht sogar in einen ganz anderen Kulturkreis. In beiden Fällen kann eine solche „Adoption" für die jungen Lebewesen wie ein Trauma wirken. Als massive psychische Erschütterung kann es tiefe Wunden reißen und lebenslange Narben im Gehirn hinterlassen. Die Verletzlichkeit des Nachwuchses hängt dabei nicht etwa nur von seiner genetischen Ausstattung ab.
Gleichermaßen bedeutsam sind jene Fürsorge-Qualitäten, die während der Aufzucht bis zur Trennung verfügbar waren. Und selbstverständlich ist auch der (rasseabhängige) Reifegrad zum Zeitpunkt der Trennung von wesentlicher Bedeutung.
Im Falle unserer Jagdhundewelpen wird im Allgemeinen die Trennung im Alter von etwa 8 bis 10 Wochen vollzogen und fällt nicht nur in eine Phase höchster Lernaktivität, sondern auch in einen Zeitraum hoher psychischer Verletzlichkeit. Dieses so selbstverständlich erscheinende Geschehen ist einerseits zweifellos gegen die Natur, andererseits der nicht zu umgehende Preis dafür, den Hund noch während seiner sensiblen Entwicklungsphase ausreichend auf den Menschen einstellen zu können. Ein nahezu unauflösliches Dilemma.
Nach heutigem Wissensstand ist es in einem Kompromiss nur dadurch wirkungsvoll aufzulösen, dass wir vor und nach der unumgänglichen Trennung all das tun, was zum Minimieren der sonst zu erwartenden negativen Folgen nötig und auch praktisch möglich ist. Gerade in jüngerer Zeit hat die Epigenetik deutlich vor Augen geführt, wie sehr die Eigenschaften artgerechter Fürsorge um den Nachwuchs an der Verwirklichung seiner erblichen Anlagen beteiligt ist.
Die Qualität der frühen sozialen und emotionalen Erfahrungen ist nicht nur für die bestmögliche Überwindung der bevorstehenden Trennung entscheidend. Sie ist auch das Fundament für den weiteren Aufbau eines sicheren Wesens nach der Welpenübernahme. Dabei geht es ganz sicher nicht um Verzärteln oder Überbehüten der heranwachsenden Hunde. Ausschlaggebend ist das Erfüllen ihrer naturgemäßen, vor allem emotionalen Bedürfnisse als Soziallebewesen. Diese ist umso wichtiger, je höher die späteren Anforderungen an das psychische Leistungs-vermögen, also an das Wesen eines Jagdgebrauchshundes gestellt werden.

2. Die schicksalhafte Bindung

Nach der Trennung von seiner bisherigen Aufzuchtumwelt und der Übernahme durch den neuen Partner Mensch braucht ein Welpe jetzt vor allem anderen wieder einen Hort des Vertrauens. Das entspringt nicht etwa einer moralisierenden und dramatisierenden Gewissensermahnung. Es kommt aus dem sicheren Wissen um das tief verankerte Bedürfnis nach Sicherheit von jungen, noch unselbstständigen Lebewesen. In diesem Grundbedürfnis steckt die Funktion eines elementaren Sicherheitssystems der Natur. Es schützt vor dem Verlassen- und Alleinsein und dient damit dem Überleben. Man könnte auch von einer naturgegebenen Lebensversicherung sprechen. Sie besteht in dem genetisch verankerten Drang zum Aufrechterhalten von Nähe und Geborgenheit zu jenen Lebewesen, die ihm seine Fürsorge zu garantieren versprechen (deshalb sprechen wir auch von Fürsorgegaranten und nicht von Welpenbesitzern).
Der starke Drang junger Lebewesen, sich ihren jeweiligen Fürsorgegaranten anzuschließen, kommt durch ein besonderes Lernen zum Ausdruck, das Konrad Lorenz (Mitbegründer der modernen Verhaltensforschung, Nobelpreis 1973) wissenschaftlich hinterfragte und 1935 Prägung nannte. Dieses Prägungsgeschehen ist zugleich die biologische Grundlage für das Entstehen der emotionalen Beziehung der jungen Lebewesen zu ihren Fürsorgegaranten.
Die schützende, versorgende und emotionale Beziehung zwischen dem jungen und fürsorgeabhängigen Lebewesen und seinem Fürsorgegaranten wird Bindung genannt. John Bowlby (1907-1990) begründete die Bindungsforschung. Sie ist heute ein wichtiges Teilgebiet der Psychologie und eng mit den Erkenntnissen der Verhaltens- und Hirnforschung vernetzt. Für das Zusammenleben mit dem Hund hat das Prägungs- und Bindungsgeschehen außerordentlich große Bedeutung. In den 80er Jahren übertrug Heinz Weidt dieses vielschichtige Wirkungsgefüge zur praktischen Nutzanwendung in das Hundewesen. Die Bindung ist geradezu wie ein unsichtbares Band, das ein noch unselbstständiges Lebewesen mit seinem Fürsorgegaranten vor allem emotional, also auf der Gefühlsebene verbindet. Sie sorgt dafür, dass sich der zunächst vielseitig abhängige Welpe mehr und mehr körperlich und psychisch selbst aufbauen kann.
Für das junge Lebewesen ist die Qualität der Bindung in schier unglaublicher Weise am Aufbau seines psychischen Leistungsvermögens und auch an der Entfaltung seines Lernverhaltens beteiligt. Unter naturorientierten Verhältnissen entwickelt sich so aus anfänglicher Abhängigkeit die Freiheit zur selbstständigen Lebensbewältigung. Vereinfacht sprechen wir vom Aufbau einer sicheren Bindung und im unerwünschten Fall von einer unsicheren oder gestörten Bindung. Der Blick geht dabei vom Welpen und seinen Bedürfnissen aus. Denn es geht ja hier vor allem darum, dass er sich bestmöglich entwickeln kann. Selbstverständlich wird zugleich auch der Hundeführer eine innerlich bereichernde Beziehung zu seinem Gefährten aufbauen. Welche Bindungsqualität im weiteren Verlauf nach der Übernahme für einen Welpen entsteht, hängt von verschiedenen Faktoren ab - besonders von den emotionalen Bedingungen am Anfang. Worauf es dabei ankommt, ist Schwerpunkt der folgenden Betrachtungen.

3. Mit dem Welpen ins neue Heim

Damit ein Welpe zu seinem neuen Partner Mensch eine sichere Bindung aufbauen kann, müssen wir von Anfang an so mit ihm umgehen, dass er auch wirklich Vertrauen zu uns fassen kann.
Das wäre beispielsweise nicht der Fall, wenn der Welpe bei der Übernahme kurzerhand in einer für ihn völlig unbekannten Transportbox untergebracht wird und der Fürsorgegarant ihn dann so über den mehr oder weniger langen Heimweg nach Hause transportiert.
Deshalb organisiere ich mich so, dass ich mich persönlich um meinen Welpen kümmern kann und das Fahren jemand für mich übernimmt. Zunächst erkunde ich zusammen mit meinem Welpen in aller Ruhe das Transportmittel. Generell gebe ich meinem Welpen immer ausreichend Zeit, um sich in neue Situationen einzustimmen und diese einordnen zu können. Während der Fahrt lege ich meine Hand ruhig in die offene Transportbox (die er idealerweise schon beim Züchter kennenlernen konnte) zu dem Welpen und vermittle ihm damit Körperkontakt und Nähe. Am besten plaudere ich dazu noch ein wenig, um keine spannungssteigernde und Gefahr signalisierende Stille entstehen zu lassen. Noch besser wäre es, den Welpen auf den Schoß zu nehmen. Aber Achtung: Es sind auch die aktuellen Verkehrs-sicherheitsregeln des jeweiligen Landes einzuhalten.
Keinesfalls aber streichle ich den Welpen bei eventuell aufkommender Ängstlichkeit, um ihn damit vermeintlich trösten oder beruhigen zu wollen. Das gilt generell. Denn der streichelnde und tröstende Zuspruch wirkt im Allgemeinen als Belohnung und damit als Verstärkung der negativen Gefühlslage. Eine Verstärkung unerwünschter Reaktionen und Verhaltensweisen kann übrigens auch dann entstehen, wenn sie angstbedingt sind und bestraft werden. Wenn also Angst das Verhalten steuert, gilt die übliche Regel der Abschwächung des unerwünschten Verhaltens durch Bestrafen nicht.

Merke: Angstmotiviertes Verhalten weder belohnen noch bestrafen!

In solchen Situationen ist es deshalb am besten, mit dem Welpen ruhig und ohne Hektik zu reden. Mit einem Spielzeug oder einem sonst geeigneten Gegenstand kann man ihn ablenken und spielerisch umstimmen. Bereits hier wird deutlich, dass von Anfang an Feinfühligkeit und ein situationsgerechter Umgang mit dem Welpen genauso wichtig sind, wie Selbstdisziplin im eigenen Handeln.
Wie problemlos der Heimtransport von statten geht, hängt nicht nur von meinem Einfühlungsvermögen und meiner Rücksichtnahme ab, sondern auch davon, wie gut der Züchter bei seinen Welpen durch die nötigen Vorerfahrungen für ihre ausreichende Selbstsicherheit gesorgt hat (Züchterausflug der Wurfgemeinschaft in fremde Umgebung mit kurzer Autofahrt).

4. Die ersten gemeinsamen Schritte

Nach der Ankunft im neuen Heim gebe ich meinem kleinen Vierläufer erst einmal geduldig Gelegenheit, sich auf bewachsenem Boden zu lösen. Ein während der Aufzucht einigermaßen selbstsicher aufgebauter Welpe wird in diesem Zusammenhang beginnen, das nähere Umfeld zu erkunden. Ich lasse ihn nicht nur gewähren, sondern unterstütze ihn dabei. Nicht etwa da-durch, dass ich „von oben herab" auf ihn einrede. Vielmehr muss ich auf das Niveau des jungen Hundes herunter (im doppelten Sinn), um mit ihm zusammen seine neue Welt schrittweise zu erobern. Auch dabei muss ich feinfühlig erkennen, was den kleinen Kerl interessiert und wie ich seine Aufmerksamkeit lenken und verstärken kann. Beispielsweise dadurch, dass ich einen Strauch betont untersuche oder ein am Boden liegendes Blatt mit ermunternder Stimme hin und her bewege.
Bei diesem unbedeutend erscheinenden Geschehen spielt sich etwas sehr Prinzipielles und für die weitere Entwicklung sehr Wichtiges ab: Das wechselseitige Aufeinander-Eingehen zwischen meinem Welpen und mir hat unmittelbaren Verständigungscharakter. Dieses „Sprechen" in Taten ist gewissermaßen die erste Kommunikationsform, die auf beiden Seiten funktioniert. Sich miteinander verständigen können verbindet. Und so ist leicht zu verstehen, dass zum Aufbau einer sicheren Bindung notwendigerweise erst die Verständigungsfähigkeit weiter ausgebaut werden muss.
Das gelingt am wirkungsvollsten, wenn sich in der Anfangszeit nicht verschiedene, sondern hauptsächlich eine einzige Person um den Welpen kümmert. Darin liegt häufig ein unerkannter Knackpunkt, den es zu beachten gilt.

5. Am Anfang ein einziger Fürsorgegarant

Kommt ein Welpe ins Haus und wechseln sich seine Betreuungspersonen immer wieder ab, so wird es ihm besonders schwer fallen, die gerade erlebte Trennung schnell zu überwinden und Vertrauen in einen (neuen) Menschen zu finden. Denn in diesem Fall ist der Welpe im Tagesgeschehen immer wieder Trennungen mit neuen Verunsicherungen ausgesetzt. Hinzu kommt, dass trotz allem Wohlwollen der Beteiligten jeder Mensch mit ihm unterschiedlich umgeht. Darunter leidet auch der gerade am Anfang so nötige feinsinnige Aufbau der Kommunikation. In der Regel ist es für die verschiedenen Betreuungspersonen kaum möglich, sich darüber auszutauschen, wie der Welpe mittlerweile in dieser oder jener Situation reagiert. Noch verwirrender und verunsichernder für den Welpen ist, wenn mehrere Betreuer Unterschiedliches wollen - und das vielleicht noch gleichzeitig. Zudem muss bei mehreren Betreuungspersonen womöglich immer wieder neu diskutiert werden, wer denn gerade zuständig ist. Ist der kleine Welpe gerade besonders her-zig, gehört er allen. Muss er sich allerdings lösen, so beginnt die Diskussion, wer denn nun für das Hinterteil verantwortlich sei.
Kurzum: die zahlreichen möglichen Varianten an Mehrfachbetreuung machen es dem Welpen schwer, möglichst zügig wieder sein inneres Gleichgewicht zu finden. Hin- und hergerissen zwischen durchaus wohlmeinenden Menschen weiß er nicht, wo er hingehört, hängt letztlich in der Luft und fällt womöglich psychisch in ein tiefes schwarzes Loch.
Solche ungünstigen Anfangsbedingungen sind oft die Basis für einen geradezu teuflischen Mechanismus der automatischen Selbstverstärkung negativer Empfindungen (sogenannter Teufelskreis).

6. Vom schlechten Start in einen Teufelskreis

Wie wir Menschen, lernen auch Hunde über verschiedene Wege. Ein wesentliches Lernprinzip lautet „gleichzeitig Erlebtes und Empfundenes verknüpft sich". Das bedeutet, dass ein Erlebnis immer auch mit der in dieser Situation empfundenen Gefühlslage verknüpft und im Gedächtnis abgespeichert wird. Tritt eine solche oder ähnliche Situation später auf, so wird die ehemals empfundene Gefühlslage wieder wachgerufen. Befindet sich nun ein Welpe in einer Gefühlslage von Unsicherheit, Hilflosigkeit oder Angst, so besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er diese Grundstimmung mit dem gerade ablaufenden Geschehen verknüpft. Ein Beispiel: Ein gerade übernommener und noch sehr verunsicherter Welpe wird unüberlegt alleine gelassen, weil eine vergessene Besorgung getätigt wird. Ausgerechnet in dieser Zeit kreischt in der Nachbarschaft eine Baumaschine.
Die Gleichzeitigkeit des Geschehens mit dem Gefühl des Verlassen-seins und des hilflos Ausgeliefertseins führt bei dem Welpen zu einer oft dauerhaft wirkenden (Fehl-) Verknüpfung. Stellt man dann später überrascht eine panische Angst vor kreischenden Geräuschen fest, so nützt es nichts, dem Welpen zu sagen, er müsse keine Angst haben.
Für ihn ist nur das wahr, was er fühlt und nicht das, was sich nach menschlicher Erfahrung und Logik als objektiver Sachverhalt ergibt.
Das ist aber noch nicht alles, das „Teuflische" kommt noch.
Die unglückliche Fehlverknüpfung hat in einer negativen Grundstimmung ihren Anfang genommen und ist in der beschriebenen Situation zum ersten Mal aufgetreten. Dieses Ersterlebnis und das damit verknüpfte Angstgefühl führen dazu, dass solche oder ähnliche Geräuschsituationen künftig - womöglich panisch - gemieden werden und eine auch nur schrittweise Annäherung an die Geräuschquelle nahezu ausgeschlossen ist. Das hat zur Folge, dass in solchen Situationen ein korrigierendes Umlernen kaum möglich ist, da nicht vermittelt werden kann, dass solche Lärmquellen in Wahrheit gar nicht gefährlich sind. Es kann sich sogar noch ein weiterer Negativeffekt einstellen.
Unsere (jungen) Hunde lernen auch über den Weg des Generalisierens. Das bedeutet, dass sie ihre Einordnungen und Bewertungen auch auf Situationen übertragen können, die nur in Teilen mit dem ursprünglichen Geschehen identisch sind. Nach diesem Beispiel könnte sich unter den jeweiligen Begleitumständen der weiteren Entwicklung auch noch eine allgemeine Geräuschempfindlichkeit und Schreckhaftigkeit einstellen. Oft bleibt dann nur noch eine fachkundige therapeutische Hilfestellung, deren Erfolg keinesfalls sicher ist.
Ersterlebnisse stellen gewissermaßen den emotionalen Kompass ein und geben den Wegen des Lernens ihre Richtung. Das gilt auch für solche Ersterlebnisse, die zwar aus der Sicht des Welpen positiv wirken, für das gezielte Wecken und Kanalisieren seiner erblichen Anlagen als künftiger Jagdgebrauchshund aber kontraproduktiv sein können. Beispiel: Ein Welpe springt auffliegenden Vögeln hinterher. Die dabei empfundene Lust kann aus ihm - vor allem bei Wiederholungsmöglichkeiten - schnell einen unerwünschten und später schwer kontrollierbaren „Sichthetzer" machen. Dies womöglich dann auch bei Radfahrern.
Eine solch unbedacht zugelassene Eigendressur kann außerdem dazu führen, dass bei einem Vorstehhund das Vorstehen nicht mehr ausgelöst wird.
Im Umgang mit dem Welpen ist also stets ein Vorausdenken und Vorausschauen der halbe Weg zum Erfolg. So hat seine Erziehung wenig mit Dressur zu tun. Vielmehr besteht sie von Anfang an überwiegend aus der eigenen Selbstdisziplin: Dem Vermeiden unbedachter und unerwünschter Eigendressur des ständig ausprobierenden und Erfahrung sammelnden vierläufigen Schlitzohrs. Es sind die Anfangsbedingungen, die das Verhalten und Wesen sowie das Zusammenwachsen bestmöglich gelingen lassen!

7. Die Eingewöhnung: Wie Vertrauen wächst

Nach den ersten gemeinsamen Schritten bei der Ankunft im neuen Heim (Kapitel 4) geht es nun darum, auch den Wohnbereich aufs Erste gemeinsam zu erkunden. In Vorbereitung des lang ersehnten Tages habe ich dafür gesorgt, dass alles, was jetzt gebraucht wird, verfügbar ist und ich so meinen Welpen jetzt keinesfalls dem Alleinsein aussetzen muss. Außerdem habe ich die Wohnung so vor-bereitet, dass sie „welpensicher" ist. Elektrokabel am Boden sind entfernt, weit herunterhängende Gardinen gesichert, Bodenvasen und Pflanzen neu platziert, der empfindliche Teppich und alles, was sonst noch in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, ist außerhalb des vorgesehenen Aktionsbereichs gebracht.
Neben dem Vermeiden unliebsamer Geschehnisse geht es mir vor allem darum, dass ich nicht ständig auf meinen Welpen mit Maßregelungen einwirken muss.
Wie soll er denn zu mir Vertrauen fassen, wenn von Anfang an die ersten gemeinsamen Erlebnisse überwiegend aus Zurechtweisungen und Verboten bestehen? Bringe ich hingegen meinen Welpen von Anfang an in den Zwinger, so scheinen sich solche Vorsorgemaßnahmen zu erübrigen. Den Preis, den der Welpe mit seinem Wesen und ich für den Mangel an seiner nicht erreichten Wesenssicherheit bezahlen würde, wäre jedoch um ein Vielfaches höher als der Aufwand für eine artgerechte und emotional stabilisierende Eingewöhnung. Hat sich nach etwa drei Wochen die Bindung zwischen meinem Welpen und mir ausreichend gefestigt, kann er problemlos in kleinen Schritten das Alleinsein und bedarfsweise das befristete Verweilen im Zwinger lernen und einüben.
Im Wissen um die Bedeutung der Anfangsbedingungen, dem Aufbau der Bindung und der Wirkung von Ersterlebnissen starten wir entspannt und lustbetont das gemeinsame Erkunden und gegenseitige Kennenlernen im häuslichen Umfeld. Gemeinsam auf allen Vieren bewegen wir uns durch die Wohnung. Erkunden und Spielen geht dabei abwechselnd ineinander über.
So wird beispielsweise der vorgesehene Liegeplatz miteinander untersucht und ein handliches Hundespielzeug bewegt sich vor den Augen des Welpen weg, um dann auf rätselhafte Weise wieder vor seiner Nase aufzutauchen. Oder ich verstecke unter einem alten Handtuch leise rufend meinen Kopf, um mich dann suchen und finden zu lassen. Anschließend wird das Handtuch zum Objekt eines gemeinsamen Beutefangspiels.
Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Es ist kaum zu glauben, wie schnell wir uns so im wahrsten Sinne des Wortes näher kommen und ausgelassen am Boden herumkugeln. Machen sich dabei eventuelle Zuschauer Sorgen um meine geistige Gesundheit, so dürfte wohl das Geschehen den richtigen Lauf genommen haben. Tatsächlich laufen im lustvollen und gar kindischen Spiel wichtige Vorgänge ab, die wir etwas genauer betrachten wollen.
Entscheidend ist zunächst die Gefühlslage des Welpen. Eine positive Grundstimmung ist die zwingende Voraussetzung, dass mein Welpe überhaupt spielen und erkunden kann. Diese positive Grundstimmung kann sich nur dann einstellen, wenn sich der Welpe psychisch unbelastet fühlt, er frei von Ängsten und ernsthaften Mangelzuständen seines Organismus ist (Hunger, Durst, Unwohlsein, Krankheit). Damit hat das Spiel- und Erkundungsverhalten einen regelrecht diagnostischen Aussagewert:
 

Kann ein Welpe trotz gebotener Möglichkeiten nicht spielen oder erkunden, weiß ich zuverlässig, dass es ihm gerade nicht so gut geht. Kann er sich hingegen auf ein Spiel oder auf einen Erkundungsgang einlassen, signalisiert mir das indirekt ebenso zuverlässig seine positive Gestimmtheit. 


In der Situation des gegenseitigen Kennenlernens und spielerischen Aufeinander-Eingehens sagt mir das zugleich, dass mein Welpe nun dabei ist, wieder einen Hort des Vertrauens zu finden.
Der Aufbau einer sicheren Bindung hat seinen Anfang genommen. Im weiteren Ausbau der Bindung wurzelt auch jene innere und äußere Verbindung, die beim späteren gemeinsamen Jagen als Führigkeit zum Ausdruck kommt.

8. Ausbau der Verständigung und Bindung

Aus dem lustvollen gemeinsamen Spielen und Erkunden geht unwillkürlich auch ein Erlernen der gegenseitigen Verständigung hervor. Gestik und Mimik begleiten die gemeinsamen Aktivitäten und führen auf beiden Seiten zu einer immer genaueren Interpretation des jeweiligen Ausdrucksverhaltens. Auch begleitende Worte unserer menschlichen Sprache - sogenannte Hörzeichen - erhalten nach und nach ihre spezielle Bedeutung.
Damit sich dieses Kommunikationslernen bestmöglich entwickeln kann, muss sich der Mensch gegenüber dem Welpen stets klar und immer in der gleichen Weise ausdrücken und verhalten. Mit der konstanten Betreuung durch einen einzigen Fürsorgegaranten - etwa in den ersten drei Wochen - wird diese Notwendigkeit wirkungsvoll unterstützt. Das bedeutet keinesfalls. dass der neue Hausgenosse allen anderen Mitgliedern der gleichen Lebensgemeinschaft vorenthalten werden müsste oder von diesen gar zu meiden wäre. Umgangsformen und Kontakte des allgemeinen Kennenlernens und Dazugehörens sind für alle Mitglieder der Gemeinschaft selbstverständlich. Entscheidend ist, dass gerade in diesen ersten Wochen alle Handlungsaktivitäten, die dem Welpen direkt oder indirekt zum Aufbau emotionaler Sicherheit und Vertrauen dienen, von einem einzigen konstant verfügbaren Fürsorgegaranten ausgehen. Je nach Lebenssituation kann das für den Fürsorgegaranten auch das Einplanen entsprechender Urlaubszeit bedeuten.
Nachdem dann ausreichend emotionale Stabilität erreicht ist, können selbstverständlich auch andere „Rudelmitglieder" - gut abgestimmt - die eine oder andere Betreuungsaufgabe hilfsweise wahrnehmen. Auf Dauer wird sich so für alle Beteiligten ein harmonisches Zusammenleben ergeben. Im Allgemeinen wird sich dabei für den heranwachsenden Hund eine - meist erwünschte - Bevorzugung gegenüber seinem ersten Fürsorgegaranten einstellen. Es ist aber auch kein Problem, wenn in den ersten Tagen und Wochen die Frau des Hauses zuerst die Rolle des Fürsorgegaranten wahrnimmt. Also so lange, bis der Welpe weiß, wo er hingehört. Erkennbar ist das daran, wenn der Welpe nicht mehr ständig seinem Fürsorgegaranten hinterher läuft und von sich aus gelassen auf seinem Platz liegen bleiben kann.
Übernimmt dann der menschliche Jagdkumpan mit seinem Vierläufer die weitere Teilnahme an den Prägungsspieltagen sowie die jagdspezifische Frühförderung, so wird der Welpe auch hier eine sichere Bindung entwickeln können. Denn das zunehmend gemeinsame (jagdspezifische) Erleben und Problemlösen ist außerordentlich verbindend. Das wird dann deutlich, wenn der Jägersmann seinen Hut von der Garderobe holt, und sich die Frau des Hauses schlagartig von ihrem anfänglichen Zögling „hergeschenkt" fühlt.

9. Wie Gefühle den Weg bahnen

Selbstverständlich besteht der Tageslauf nicht nur aus dauerndem Spielen mit dem Welpen. Er braucht immer auch ausreichend Ruhephasen. Diese sind zugleich eine gute Gelegenheit, das Vertrauen und die Bindung weiter wachsen zu lassen.
Erkenne oder vermute ich bei meinem Welpen erste Anzeichen von Müdigkeit, stelle ich zunächst meine animierende Aktivität ein. Ich lege mich auf den Boden und biete meinem Welpen damit Nähe und Verfügbarkeit an. Vielleicht kann ich das auch im Bereich des künftigen Liegeplatzes arrangieren.
Das Ganze ist für meinen Welpen ein Angebot, von sich aus Nähe oder gar Körperkontakt herzustellen. Keinesfalls ziehe ich den Welpen zu mir her oder rücke so auf, dass er sich bedrängt fühlt. Das wäre kontraproduktiv und könnte bei Wiederholungen im Sinne erdrückender Fürsorge eher zu einem Meiden und Ausweichen bis hin zur „Angst vor Nähe" führen. Vertrauen lässt sich eben nicht erzwingen, es muss wachsen können! Also stets den Welpen von sich aus kommen lassen und mit ihm einen respektvollen wie feinfühligen Umgang entwickeln. Anfänglich bedeutet das Zeit, viel Zeit, sehr viel Zeit. Es ist auch überhaupt kein Beinbruch, wenn die ersten Angebote noch nicht angenommen werden. Im Allgemeinen ergibt sich dieses Kontaktliegen im Laufe des ersten oder zweiten Tages.
Gerade jetzt ist es außerordentlich wichtig, zu verstehen und zu spüren, welche tiefgreifenden und weitreichenden Wirkungen auch dieser Schritt der Vertrauensbildung für die im Gang befindliche Verhaltens- und Wesensentwicklung des heranwachsenden Hundes hat.
Gelingt es mir, aus der Gemeinsamkeit des Spielens, Erkundens und Ruhens heraus in meinem Welpen Vertrauen zu mir entstehen zu lassen, so ergeben sich für seine weitere Gehirnentwicklung die bestmöglichen Voraussetzungen. Das wachsende Vertrauen führt dazu, dass die mit dem Trennungsgeschehen ausgelöste Angst und erhöhte negative Erregung immer mehr „heruntergefahren" wird. Im Gehirn des Welpen findet sozusagen eine Beruhigung und Harmonisierung statt, die gleichzeitig notwendige Wachstumsprozesse richtig reguliert.
Im weiteren Verlauf seiner rasanten Hirnentwicklung entstehen somit positive Grundeinstellungen, die lange oder gar auf Dauer wirken. So wird auch verständlich, dass der spätere Umgang mit Stress, also die künftige emotionale Regulationsfähigkeit, bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eingestellt wird. Gleiches gilt auch für das Lernverhalten und für alle Grundeigenschaften, die einer souveränen Lebensbewältigung dienen. Auf den Punkt gebracht:

Das Gehirn des Hundes entwickelt sich in der Welpenzeit sehr rasant und mit prägender Wirkung. Vor allem der Verlauf seiner frühen emotionalen und sozialen Erfahrungen bestimmt die späteren Grundeigenschaften seines Wesens. Und wir sind es, die dieses Geschehen weitgehend in der Hand haben!

Diese wichtigen Einsichten verdanken wir dem renommierten Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther. Mit ihm zusammen konnten wir darüber hinaus zur Verhaltensentwicklung und Stressbewältigung beim Hund vertiefte Einsichten bereitstellen.

10. Einstellung des inneren Gleichgewichts

Beim Ermuntern oder Animieren eines Welpen zu gemeinsamen Aktivitäten ist noch ein besonders wichtiger Gesichtspunkt zu berücksichtigen. Unsere Hunde sind in ihrer Erregbarkeit ganz verschieden „gestrickt" und zeigen neben rassetypischen Tendenzen auch noch individuelle Unterschiede in ihrem Temperament. Bei einem eher ruhigen Typ ist es förderlich, durch Animieren gemeinsame Aktivitäten auszulösen. Hingegen ist es bei dem leicht erregbaren Hund zweckmäßig, manchmal sogar zwingend, mit aktivitätssteigernden Anregungen sehr dosiert umzugehen. Das hat damit zu tun, dass einige Hunderassen schon von ihrer Veranlagung her zur Übererregung neigen. Wird diese Eigenschaft zusätzlich gefördert, stellt sich ein noch weiter gesteigertes Grundniveau ein. Spätere Folgen zeigen sich oft dadurch, dass solche Hunde auf alle möglichen Reize reagieren, viel kläffen und relativ leicht zahlreiche Unarten entwickeln.
Wie im vorherigen Kapitel beschrieben, hat auch dies mit jenen Grundeinstellungen zu tun, die aus der frühen und prägenden emotionalen Erfahrung hervorgehen - hier beispielsweise aus einem unbedachten „Verrücktspielen" durch den Fürsorgegaranten. Bei solchen Welpen ist es wichtig, ihre Erregung bei gemeinsamen Aktivitäten nicht überborden zu lassen, eher einmal ein Spiel ausklingen zu lassen oder es sogar abzubrechen.
Kurzum: den Welpen gezielt „herunterfahren". Auch bei der bevorstehenden Eroberung der neuen Lebensumwelt ist ein dosiertes Vorgehen mit neuen Reizen ratsam. Also nicht zu viel auf einmal und durch überlegte Ruhephasen und Pausen immer wieder Reizschutz und die Möglichkeit zur Verarbeitung des gerade Erlebten gewähren.
Der beschriebene Zusammenhang macht aber auch noch etwas anderes deutlich. Gerade Welpen, die ihrer Veranlagung nach leicht erregbar sind, brauchen umso mehr einen Fürsorgegaranten, der von Anfang an in der Lage ist, Vertrauen und emotionale Sicherheit zu vermitteln. Denn erst durch einen unverzögerten Aufbau einer sicheren Bindung können sich die nötigen emotionalen Grundeinstellungen rechtzeitig vollziehen und sich das innere Gleichgewicht einstellen.

11. Die ersten Tage

Im Wissen darum, was mein Welpe von seiner Übernahme an emotional braucht, gestalte ich nun das Tagesgeschehen. Es verläuft im lockeren Wechsel zwischen gemeinsamen Spielen, Erkunden, Ruhen und Füttern. Um Pannen im gleichzeitigen Aufbau von Stubenreinheit zu vermeiden, ist es zweckmäßig, nach jeder dieser Aktivitäten dem Welpen ausgiebig - im Zweifelsfall auch wiederholt - Gelegenheit zum Lösen und Nässen zu geben. Bei der außerordentlichen Lernfähigkeit des Hundes und der rasch wachsenden Verständigungsfähigkeit zwischen mir und meinem Welpen, verknüpft er auch schnell meine Worte mit dem erwünschten Verhalten. Das positiv bestärkte Verhalten nimmt dadurch immer mehr zu. Und so werde ich bald Freude daran haben, wie sich mein Welpe immer zuverlässiger im erwünschten Außenbereich säubert.
Am Anfang bahne ich die Erziehung vor allem dadurch an, dass der Welpe durch mein Vorausschauen möglichst keine Gelegenheit für das Entfalten und Festigen unerwünschten Verhaltens hat (Beispiel „welpengerechte Wohnung").
Negative Eigendressuren entstehen bekanntlich durch gedankenloses Zulassen oder gar eigenes Herausfordern von Verhaltensweisen, die zunächst noch lustig erscheinen, später aber nicht mehr lustig sind. Steht beispielsweise mein Welpe freudig an meinem Hosenbein hoch und ich streichle ihn aufgrund der mir gegenüber gezeigten Zuneigung, so mag uns beiden das in diesem Augenblick gut tun. Später aber, wenn der Kleine groß geworden ist und gerade aus einer Pfütze kommt, ist eine solche Begrüßung wirklich nicht mehr lustig. Aus diesem Grund wäre es in diesem Beispiel sinnvoll, dem Welpen in der Hocke entgegenzukommen. Dann ist erstens die freudige Kontaktaufnahme noch verbindender und zweitens ergibt sich so erst gar kein Hochstehen.
Prinzipiell Ähnliches kann sich auch entwickeln, wenn ich das anfänglich vorsichtige Beknabbern meiner Hand als wohltuende „Liebesbezeugung" empfinde, es bewusst oder unbewusst fördere und mich ein paar Wochen später dauernd mit einem unangenehmen Kneifen in die Hände herumschlagen muss Also denke ich generell voraus, lasse den Welpen möglichst nur Erwünschtes lernen und verzichte auf ein sonst später notwendiges, nicht gerade Vertrauen förderndes, sondern eher belastendes Umlernen. Dazu noch ein Trost: Wir alle machen Fehler - auch immer wieder neue. Das ist nicht so schlimm, denn die Natur ist fehlerfreundlich und kann viel wegstecken. Vor allem, wenn die Bindung stimmt. Problematisch sind aber solche Umgangsformen, die immer wieder von Unbeständigkeiten und Widersprüchen des Hundeführers gekennzeichnet sind. Dann weiß der junge Hund nicht, woran er mit seinem Mensch ist und wird von ihm immer wieder aufs Neue verunsichert. Das sind Systemfehler, die in eine unsichere Bindung münden und die später den Hund in seinem Wesen nicht das werden lassen, was er seiner Veranlagung nach sein könnte. Wissen wir aber, worauf es ankommt, so können wir fasziniert bestaunen, wie unser engagierter Umgang mit dem Welpen seine Wesensentwicklung Schritt für Schritt weiter gelingen lässt.

12. Die ersten Nächte

Ein Welpe kommt dann am besten zur Ruhe, wenn er sich sicher fühlt, seine Bedürfnisse erfüllt sind und er angemessen beschäftigt war. Und selbstverständlich ist das Maß ausreichender und sinnvoller Beschäftigung sowohl rasseabhängig als auch individuell höchst unterschiedlich. Irgendwelche allgemeingültigen Zeitangaben für diese oder jene Beschäftigung wären daher weder sinnvoll noch seriös.
Eine wirkliche Hilfe ist die Beobachtung sogenannter Konfliktreaktionen. Das sind unwillkürliche Verhaltensweisen und Körpersignale, die durch ihre Häufigkeit, Intensität und Dauer indirekt eine psychische und körperliche Überforderung anzeigen (zum Beispiel Kratzen, Gähnen, Schütteln). Für den wissenden Hundeführer sind so die Grenzen psychischer und körperlicher Belastbarkeit erkennbar. Das hilft, die Verhaltensentwicklung bestmöglich zu gestalten. In diesem Leitfaden müssen wir auf eine Vertiefung verzichten und verweisen des halb auf den eigenen Sonderdruck „Hunde verstehen - Signale rechtzeitig sehen" .
Ist der Welpe durch gemeinsame Aktivitäten ausreichend müde und sind seine psychischen und körperlichen Bedürfnisse erfüllt, so wird er schon in den ersten Nächten über längere Zeit (4 bis 6 Stunden) Ruhe und Schlaf finden. Das ist sicherlich nicht der Fall, wenn er sich verlassen oder eingesperrt fühlt. Die Zeiten, in denen es üblich war, einen Welpen vom ersten Tag an alleine in einen Zwinger zu sperren, sollten ja endgültig vorbei sein (siehe Kapitel 7). Am besten platziere ich das Nachtlager meines Welpen für die erste Zeit neben meinem Bett oder ich schlafe vorübergehend dort, wo sich mein Welpe eingewöhnen soll. Es geht wieder darum, dass ich verlässlich Nähe, bedarfsweise auch während der Einschlafphase Körperkontakt anbiete, ohne mich aufzudrängen.
Wahrscheinlich wird mein Welpe in der Nacht auch das eine oder andere Mal unruhig oder weckt mich mit seinem Winseln.
Ein kleines Schummerlicht ermöglicht uns beiden nächtliche Orientierung und entspannt dadurch ein wenig. Wegen der Ruhestörung bin ich nicht ärgerlich und bestrafe so weder indirekt noch direkt die Gefühlslage meines Welpen, die aus einem natürlichen Bedürfnis oder aus Unsicherheit und Angst hervorgeht.
Ich weiß, dass sich angstmotiviertes Verhalten, welches belohnt oder bestraft wird, nicht abschwächt, sondern verstärkt (siehe Kapitel 3). Also gehe ich zügig aus dem Bett, nehme meinen Welpen ohne Hektik und gehe mit ihm dort hin zum Lösen, wo
ich es tagsüber auch schon arrangiert hatte. In diesem unverzögerten Eingehen auf die Bedürfnisse des Welpen steckt ein vertrauens- und bindungsfördernder Mechanismus, der nach „alter Volksweisheit" nicht richtig durchschaut ist. Die Befürchtung dass ich durch die anfängliche Sofortbefriedigung einen „Tyrannen" heranziehe, ist falsch. Denn der Welpe kommt ja - ob aus Angst oder aus einem Säuberungs-Bedürfnis - in die eine oder andere „innere Not". Daraus muss ich ihm heraushelfen, wenn ich für ihn ein vertrauenswürdiger Fürsorgegarant werden will. Gehe ich rasch und situationsgerecht auf seine Bedürfnisse ein, so erfährt mein Welpe, dass er sich auf mich verlassen kann. Hat mein Welpe dann gelernt, dass ich seine Appelle verstehe und ich darauf auch passend reagiere, liegt es nun an mir, ganz gezielt meine Reaktionszeit schrittweise immer weiter auszudehnen. Unterlasse ich jedoch diese Selbstdisziplin, so wird mir tatsächlich künftig mein Hund „sagen", was ich zu tun habe.
Es gibt also im gemeinsamen Kommunikations-lernen einen Wendepunkt, den ich nicht versäumen darf: Von da an, wo wir uns verbunden fühlen und der eine weiß, was der andere meint, muss ich stets die Handlungsinitiative übernehmen und den Verlauf des Geschehens bestimmen. Dies kann auch dadurch erfolgen, dass ich bedarfsweise ganz gezielte Handlungspausen einlege. Damit fordere ich entweder Ruhe oder Aufmerksamkeit ein und lenke so das aktuelle Geschehen.

13. Wissen - worauf es ankommt

Folgen Sie den bisher vermittelten Einsichten und fühlen Sie sich von dem faszinierenden Geschehen des Zusammenwachsens innerlich angesprochen, werden Sie erstaunt sein, wie schnell Sie und Ihr Welpe sich aufs Erste gefunden haben. Steht das gemeinsame Tun und Erleben in der nötigen Intensität und die fürsorgliche Klarheit im Umgang mit Ihrem Welpen im Vordergrund, haben Sie nach etwa drei lagen nicht nur die größten Hürden der Eingewöhnung genommen. Auch das Fundament für eine sichere Bindung wurde gelegt. Das ist notwendig, denn die Kindheit ist bei unseren Hunden kurz, und es gilt, die Zeit bis zum Alter von etwa 16 Wochen in positiver Grundstimmung wirklich in der rechten Weise zu nutzen. Aber gerade hier bestehen oft falsche Vorstellungen und Umgangsformen mit zahlreichen unerwünschten Folgen. Es geht keinesfalls darum, den Welpen im Eiltempo mit allen nur erdenklichen Situationen zu konfrontieren und ihm dabei bestimmte Verhaltensweisen einzutrichtern, damit er vermeintlich „richtig geprägt" wird. Worauf es wirklich ankommt, beruht auf einem klaren und elementaren Wirkungsgefüge, das wir uns nun Schritt für Schritt vor Augen führen.
Die psychische Belastbarkeit, also die Wesenssicherheit eines heranwachsenden Hundes nimmt in dem Umfang zu, wie sich seine emotionale Sicherheit aus der Bindung zu seinem Menschen entwickeln kann. Dabei gilt das Prinzip, einen Welpen mit neuen Situationen und höheren Anforderungen immer nur in dem Maße zu konfrontieren, wie es seinem derzeitigen psychischen und physischen Entwicklungsstand zuträglich ist. Also nur das von dem Welpen verlangen, was er entsprechend seiner bisher entwickelten emotionalen Regulationsfähigkeit auch bewältigen kann. Anders ausgedrückt: Den Welpen in kleinen Schritten immer wieder Neues und Anspruchsvolleres bewältigen lassen, aber niemals den zweiten Schritt vor dem ersten verlangen.
Denn das Scheitern in überfordernden Situationen hemmt den Aufbau von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und kann bei Wiederholungen leicht in den schon beschriebenen Teufelskreis automatisierter Selbstverstärkung führen (Kapitel 6). Das wollen wir an einem praktischen Beispiel bewusst machen.

14. Teilnahme an Prägungsspieltagen

Erfreulicherweise besteht heute die Möglichkeit, mit dem Welpen an sogenannten Prägungsspieltagen - auch Welpenspielstunden oder ähnlich genannt - teilzunehmen. Geschieht dies, ohne dass der Welpe vorher ein ausreichendes Maß an Vertrauen und Bindung zu seinem Fürsorgegaranten entwickeln konnte, ergeben sich in dieser neuen Situation Anfangsbedingungen, die für den weiteren Entwicklungsverlauf höchst ungünstig sind.
Beim Zusammentreffen mit fremden Art- und Altersgenossen wird der Welpe dann kaum jene innere Gelöstheit erlangen, die nötig ist, um mit ihnen spielen zu können. Eher ist zu befürchten, dass der Welpe von so vielem Neuen überfordert ist und aus Unsicherheit und Angst in eine Gefühlslage des Bedrohtseins gelangt. Obwohl eigentlich gar nicht nötig, wird daraufhin seine Verteidigungsbereitschaft aktiviert. Anstelle von sozialem Erkunden gegenüber verfügbaren Spielpartnern findet ein aggressives Abwehren von Kontaktaufnahmen statt. Sucht nun dieser Welpe Schutz, so fällt auf, dass er sich nicht seinem Fürsorgegaranten, sondern irgendwelchen Menschen oder Verstecken zuwendet.
Er „hängt in der Luft" und hat ohne emotionalen Rückhalt kaum Chancen etwas Positives zu lernen.
Häufig kennzeichnet ein derart unglücklicher Start den negativen Verlauf der weiteren Verhaltensentwicklung. Vor dem ersten Besuch der Prägungsspieltage sollte deshalb die Eingewöhnung und Bindung soweit gediehen sein, dass ein Welpe wirklich weiß, wo er hingehört. Durch den schon beschriebenen intensiven Umgang miteinander ist das im Allgemeinen nach etwa drei Tagen erreicht. Entgegen manchen Annahmen verkürzen oder erübrigen häufige Besuche beim Züchter diese erste Eingewöhnung des Welpen nicht. Solange die Welpen im Wurf sind, findet ihre soziale Verhaltensentwicklung vorrangig untereinander statt. Eine individuelle und tragfähige Bindung zu ihrem jeweiligen Menschen entsteht erst nach der Trennung vom Wurf.
Mit Blick auf das Ende der Phase höchster Lernbereitschaft im Alter von etwa 16 Wochen darf der Beginn der Teilnahme an Prägungsspieltagen natürlich auch nicht beliebig hinausgeschoben werden. Es empfiehlt sich deshalb, die Übernahme des Welpen und den Beginn der Spielstunden organisatorisch frühzeitig aufeinander abzustimmen.
Sicherlich ist es nicht immer ganz einfach, einen kompetenten Veranstalter für die Teilnahme an Prägungsspieltagen zu finden. Als Begründer und ständige Weiterentwickler dieses Konzepts (1978 bis heute) wissen wir, dass oft die entscheidenden Aufgaben dieser Verhaltensschule für Hund und Mensch aus dem Blick geraten sind. Deshalb machen wir sowohl auf einige irreführende Vorstellungen als auch auf die eigentlichen Ziele der Prägungsspieltage aufmerksam.
Ganz sicher sind Prägungsspieltage keine ins Welpenalter vorverlegten Dressur oder Erziehungskurse, die mittels ständiger Futterbelohnung vor allem ein „Funktionieren" des Hundes zum Ziel haben. Sie dienen auch nicht dem Trend vermeintlicher Frühförderung, die mit dem Pokal im Hinterkopf zur Stärkung des eigenen Egos betrieben wird. Bei diesen oder ähnlichen Vorstellungen kommt es nicht zu jener beziehungsreichen und emotional tragenden Partnerschaft, aus der durch einen methodischen und tiergerechten Umgang ein allseits umgänglicher und wesenssicherer Hund hervorgeht. Um welche Methoden es dabei geht, werden wir abschließend kurz betrachten. Zugleich verweisen wir auf ein vertiefendes Basiswissen zum Konzept der Prägungsspieltage und den Qualitätsmerkmalen ihrer fachgerechten Durchführung.

15. Was Welpen innerlich stark macht

Nach dem gelungenen Start der ersten Tage mit Ihrem Welpen, steht jetzt sein psychischer Selbstaufbau im Vordergrund. Damit ist vor allem ein emotionales Lernen gemeint, das auf der Basis einer sicheren Bindung Grundeinstellungen, wie beispielsweise Selbstvertrauen oder Zielstrebigkeit, entstehen lässt. Diese Art des Lernens beruht auf emotionalen Erfahrungen und ist etwas ganz anderes als das landläufig gemeinte Lernen, bei dem einem Welpen etwas Funktionelles beigebracht wird („Sitz", „Platz", „Fuß"). Es sind ineinandergreifende soziale und emotionale Erfahrungen, welche solche Eigenschaften entstehen lassen, die wir Wesensfestigkeit nennen. Hier wird auch von psychischer Widerstandskraft oder Resilienz gesprochen.
Von Natur aus können und wollen unsere jungen Hunde lernen - sofern sie daran nicht gehindert werden (beispielsweise durch emotionale Hemmung infolge unsicherer Bindung oder fehlender Lerngelegenheiten). Unter den richtigen inneren und äußeren Voraussetzungen versuchen sie herauszufinden, wie ihre Welt funktioniert und erproben dabei, was sie selbst bewirken können. Das kann beispielsweise die körperliche Überwindung eines kleinen Hindernisses oder das schrittweise Wandeln anfänglicher Unsicherheit in Sicherheit sein. Im Allgemeinen werden selbstgesuchte oder sich stellende Herausforderungen bewältigt und beim Auftreten eines größeren Problems alternative Lösungen gesucht und mit Beharrlichkeit meistens auch gefunden. Darin liegt ein enorm wichtiges Geschehen, das einen Namen hat:

Selbstwirksamkeit: Bewältigte Herausforderungen und gelöste Probleme führen zu einer außerordentlich wirkungsvollen inneren Belohnung. Sie stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und ermuntert dazu, die nächst größere Herausforderung anzunehmen. So wachsen geradezu automatisch in rascher Folge immer wieder das Selbstvertrauen und die Bewältigungsfähigkeit. Die Fähigkeit, durch eigenes Tun etwas zu bewirken und daran innerlich zu wachsen, wird auch Selbstwirksamkeit genannt. Sie ist der Hauptmotor des psychischen Selbstaufbaus unserer Hunde!
 

Lassen wir einen Welpen in erwünschten Verhaltensbereichen ausreichend Selbstwirksamkeit entfalten, so hat das nicht nur Einfluss auf seinen psychischen Selbstaufbau und die damit einhergehende Gehirnentwicklung. Wie bei der emotionalen Regulationsfähigkeit entwickelt sich auch hier erfahrungsabhängig die Ausprägung und Grundeinstellung des körpereigenen Belohnungssystems. Selbstwirksamkeits-Erfahrungen führen zum einen zu einer hohen Motivationslage, die den (jungen) Hund immer wieder von sich aus dazu drängt, Neues zu lernen und Herausforderungen mit Lust an-zunehmen. Daraus entwickeln sich weitere Eigenschaften, wie beispielsweise Lern- und Arbeitsfreude, Zielstrebigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Zum anderen erübrigt die aus der Bewältigung von Aufgaben und Problemen hervorgehende innere Belohnung weitgehend äußere Belohnungen durch Futter.
Dem völlig entgegengesetzt verbreitet sich im allgemeinen Hundewesen geradezu seuchenartig die „Methode" der ständigen Futterbelohnung. Damit wird nicht nur die Ausbildung des körpereigenen Belohnungssystems abgewürgt. Auch die Aufmerksamkeit des Hundes ist mehr auf die Erwartung von Futter, als auf das ablaufende Lerngeschehen gerichtet. Der Hund „funktioniert" dann auch wie ein Futterautomat: Das erwünschte Verhalten wird dann gezeigt, wenn man dafür auch Futter „einwirft".
Betrachtet man diesen Zusammenhang noch etwas genauer, so wird schon beim Aufbau des Welpen ersichtlich, dass sich seine Beziehung mehr zum Futterbeutel als zu seinem Menschen entwickelt. Treten später Belastungssituationen auf, zeigt sich, dass eine sichere Bindung etwas ganz anderes ist, als eine vom Futter abhängige Scheinbindung. Aus alledem wird deutlich, dass überall dort, wo es - wie bei unseren Jagdgebrauchshunden - um ein sicheres Wesen geht, ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge mit folgerichtigen Umgangsformen gefordert ist. Eine praxisorientierte Vertiefung zu diesem Thema findet sich in der Artikelserie „Lust am Lernen"
Das hier und in den anderen Kapiteln aufgezeigte Wirkungsgefüge wirft nun abschließend die Frage auf, was für die Praxis das Wichtigste ist.

Dieser Leitfaden ist eine Ausarbeitung der Kynologos AG Gesellschaft für angewandte Verhaltensforschung bei Hunden, CH-8914 Aeugustertal